Neue Serie (Folge 3): Deutsche Patrioten

Philipp Jakob Siebenpfeiffer:

Philipp Jakob Siebenpfeiffer, Ölporträt von Hermann Th. Juncker im Homburger Siebenpfeifferhaus

Leider kein Einlass zum
Hambacher Demokratie-Forum

Am 27. Mai ist der 189. Jahrestag des „Hambacher Festes“. Der Hauptorganisator Dr. Siebenpfeiffer kommt auf das Schloss zurück, trifft sich mit dem Reporter zum fiktiven Interview: “Im heutigen Deutschland erinnert mich viel an 1832!”

Eigentlich wollte Siebenpfeiffer am 14. März das Demokratie-Forum auf dem Schloss besuchen. Doch coronabedingt gab es leider keinen Einlass. Dabei interessierte ihn das Forum-Thema brennend: „Fake News und Fakten – Demokratie in Zeiten digitaler Medien“. Das Gespräch wurde von Moderator Michel Friedmann eloquent geführt. Es ging auch um Qualitätsjournalismus und die rechte Bedrohung. Fake News? „Ein extrem schwammiger Begriff“, so der Medienforscher und Kölner Professor Hektor Haarkötter. „Ganz viele Dinge, die als Fake News bezeichnet werden, sind letztlich einfach nur News, die einem politisch nicht passen.“ Ja, so würde es Siebenpfeiffer vermutlich auch sehen.

Zufällig auch, dass dieses Demokratie-Forum am 14. März stattfand, dem Wahlsonntag in Rheinland-Pfalz. Und auch zufällig: Einer der Gäste war SWR-Intendant Kai Gniffke, den man auch schon zum „roten Freundeskreis“ der Ministerpräsidentin Malu Dreyer zählte. Ein weiterer Schönheitsfehler bei dem Diskurs: In der Runde gab es keinen Gesprächspartner, der unpopuläre Positionen vertrat. Da fehlte ein Mann wie Dr. Siebenpfeiffer, der bestimmt auch mal das Wort Patriot erwähnt hätte, das nicht vorkam. Aber: Hätte man ihn überhaupt eingeladen?

Der Journalist und Verleger Siebenpfeiffer war am 14. März 2021 zu einem Kurzbesuch an den Ort zurückgekommen, an dem er die erste deutsche Großdemonstration geleitet und gegen die Zensur protestiert hatte. Als er den Reporter zum Gespräch vor dem Hambacher Schlosses traf, sah er sogar aktuelle Parallelen zu seiner Zeit.

Der Reporter: Herr Dr. Siebenpfeiffer, woher kommen Sie?

Siebenpfeiffer: Ich bin aus der Anderswelt zurückgekehrt, wo Seele und Geist ewig weiterleben. Und manchmal kann man seine ursprüngliche  Gestalt wieder annehmen, kurz auf die Erde zurückkommen.

 Was treibt Sie zum Hambacher Schloss?

Siebenpfeiffer: Die Neugierde, was daraus geworden ist, wie das Hambacher Fest heute beurteilt wird. Doch vor allem treibt mich die Sorge um Deutschland.

Aber in unserem Land ist alles besser geworden, kein Vergleich zu Ihrer Zeit.  

Siebenpfeiffer: Freunde berichteten, dass unfassbar reiche Leute nach Gutdünken wieder wie Fürsten das Sagen haben. Es soll Alters- und Kinderarmut geben, auch Suppenküchen und viele Obdachlose. Und immer mehr Menschen finden keine bezahlbare Wohnung. In der Wirtschaft kündigt sich eine Rezession an, ich hörte auch von Gewalt und Kriminalität. Unglaublich, dass man auch nicht mehr alles sagen darf, mächtige Zeitungshäuser bestimmen, was richtig und falsch ist. Im heutigen Deutschland erinnert mich viel an 1832.

Sie meinen also, es herrschen dieselben Verhältnisse wie zu Ihrer Zeit, wo Sie auch um die Meinungs- und Pressefreiheit kämpften?

Siebenpfeiffer: Ja, ich kann nur mein Bekenntnis von Hambach original wiederholen: Die Presse muß nothwendig frei sein, denn sie ist die Stimme aller, ihr Schweigen ist der Tod der Freiheit, jede Tyrannei, welche eine Idee morden will, beginnt damit, daß sie die Presse knebelt.

Welche Partei würden Sie denn wählen, wenn Sie heute in Deutschland leben würden?

Siebenpfeiffer: Diese Frage kann ich nicht beantworten, da ich zu wenig über die deutschen Politiker weiß. Doch ich meine, dass es zu viele Parteien gibt. Da wird zu viel verwaltet, wenig gestaltet. Und außerdem ist zuviel Lobbyismus im Spiel. Auf jeden Fall muss eine wählbare Partei bürgernah sein und sozial, es müssen christliche Werte vermittelt werden.

Der 26. Mai war der Gedenktag der Bayerischen Verfassung, der im ganzen Königreich gefeiert werden sollte. Am 18. April erschien in der Speyerer Zeitung ein anonymer Artikel, der den Vorschlag machte, dieses Konstitutionsfest auf dem Hambacher Schloss zu begehen. Steckten Sie hinter diesem anonymen Brief?

Siebenpfeiffer: Ja, es war meine Idee. Ein Freund von mir machte den Vorschlag in der Zeitung.  Und die Neustadter Bürger erließen einen von mir verfassten Aufruf: „Der Deutsche Mai“, in dem stand, es sei kein Anlass vorhanden, hier etwas Errungenes zu feiern. Vielmehr sollte in Hambach ein Fest der Hoffnung begangen werden, ein Kampf für die gesetzliche Freiheit und deutsche Nationalwürde. Und dafür schlugen wir den 27. Mai auf dem Hambacher Schloss vor.

Sie haben alles sehr gut organisiert. Heute würde man sagen, alles gut vernetzt.

Siebenpfeiffer: Bei meiner Arbeit als Beamter hatte ich viele Kontakte in der Saarpfalz, eigentlich in ganz Deutschland. Meine Freunde und Unterstützer waren heimlich als Boten unterwegs, warben für unsere Sache.

Geplant war ja zuerst Kaiserslautern als Schauplatz?

Siebenpfeiffer: Richtig, die Obrigkeit fand das auch gut, denn da hätte man uns besser überwachen können. Sie befürchtete aber auch Ausschreitungen, man war daher zugänglich, als wir die einsame Burgruine in Hambach vorschlugen. Da konnte ja nicht viel passieren, meinten die Behörden.

Aber Hambach war doch eigentlich mehr als ein „Fest“?

Siebenpfeiffer: Vom heutigen Standpunkt aus betrachtet schon. Es war eine politische Bewegung, ein Aufstand friedliebender Bürger. Mit dem Titel „Fest“ wollten wir ja die Obrigkeit nur in Sicherheit wiegen. Es gab damals zahlreiche Festbankette, die von der demokratischen Bewegung gefeiert wurden. Nur unter dem Deckmantel der Geselligkeit konnte man sich damals politisch artikulieren und organisieren. Und so reifte die Idee eines großen Nationalfestes.

Und immer wieder Neustadt, wo Sie im heutigen Stadtteil Haardt festgenommen wurden. Wie kam es dazu?

Siebenpfeiffer: Wenige Tage nach dem Hambacher Fest wurde ich am 18. Juni 1832 bei einem Treffen mit Freunden verraten und in Haardt verhaftet, in Landau mit Wirth vor Gericht gestellt. Die Anklage war manipuliert, wir wurden freigesprochen. Doch wegen „Beamtenbeleidigung” verurteilte man mich zu zwei Jahren Haft. Ich musste im Gefängnis Frankenthal jede Woche drei Paar Socken stricken. Freunde befreiten mich im November 1833 und ich konnte in die Schweiz entkommen.

Es heißt, dass Sie sich mit Mitorganisator Johann Georg August Wirth nicht vertrugen, sogar gegeneinander arbeiteten. Was ist da dran?

Siebenpfeiffer: Nichts! Wir waren als Journalisten Kollegen, stritten oft nur heftig um die Wahrheit. Wirth und ich sind unterschiedliche Charaktere, kommen aus verschiedenen bürgerlichen Schichten. Im Gegensatz zu Wirth bin ich ein alemannischer Hitzkopf, oft rechthaberisch und ironisch. Ich sehe  mich als Mann der Tat, Politik muss radikal sein, um die Menschen zu ermutigen, für ihre Rechte zu kämpfen. Wirth verhielt sich da diplomatischer und besonnener, kam aus der gut situierten Mittelschicht, war Corpsstudent, und an der Uni war der große Philosoph Hegel sein Rektor. Trotz alledem sehe ich Wirth als einen glühenden Patrioten! Er war Vorstandsmitglied des „Deutschen Vaterlandsvereins“, Mitgründer vom „Bund der Patrioten“, ließ das „conföderierte republikanische Europa“ hochleben.

Am Anfang Ihrer Beamtenlaufbahn als Commissär verwalteten Sie in Homburg 79 Gemeinden mit über 40.000 Bürgern, die sie oft überhart behandelt haben sollen. Ein Fehler?

Siebenpfeiffer: Ja, ich war leider zu pflichtbewusst, vertrat zu oft das fürstliche Unrecht. Nach der Französischen Revolution und den Freiheitskriegen war es eine Krisenzeit. Es gab Missernten, Hungersnöte, Seuchen und die maßlosen Zollbestimmungen ließen die Menschen verzweifeln.

Herr Siebenpfeiffer, Sie sind auch poetisch sehr talentiert, haben das wunderbare Patriotenlied „Hinauf zum Schloss“ geschrieben. Sie versuchten sich auch als romantischer Schriftsteller, verfassten eine Love-Story?

Siebenpfeiffer: Dichten ist eine wunderbare Entspannung vom Alltag. Ich schrieb das Buch „Rudolph und Helmina“, nannte es ein „Episches Gedicht in zwölf Gesängen“. Das 445-Seiten-Werk wurde beim Verlag Georg Ritter in Zweibrücken veröffentlicht. Es ist eine Reisebeschreibung, durchwoben von einer Verwechslungsromanze zweier Liebespärchen.

Da schwingt auch viel Autobiographisches mit, aber auch Untertöne der Resignation?

Siebenpfeiffer:   Natürlich, ich schrieb, „dass mein Herz trocken sei“, „Krank auch mancher Regent aus Furcht vor dem Fieber der Freiheit“. Die wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse damals beeinflussten auch die Schicksale der Menschen, ihre Liebe zueinander und die geheimen Leidenschaften.

Man sagt, dass Sie wegen einer Geisteskrankheit im Mai 1842 in die „Privat-Irrenanstalt“ von Prof. Albrecht Tribolet in Schloss Bümbliz bei Bern eingewiesen wurden, dort am 14. Mai 1845 verstarben. Was steckt da dahinter?

Siebenpfeiffer: Ich war nicht verrückt. Nach heutigen medizinischen Erkenntnissen würde ich sagen, dass ich einen Schlaganfall hatte, der nicht richtig behandelt wurde. Und ich war auch sehr depressiv nach dem Tod meiner Frau Emilie, die  1835, drei Jahre nach Hambach, starb. Danach kümmerte sich niemand mehr um mich, ich verlor allen Lebensmut, flüchtete in innere Emigration. Die Klinik von Professor Tribolet war der einzige Platz, wo man mich versorgte und anständig behandelte.

Ihre letzte Ruhestätte existiert nicht mehr, denn der Friedhof bei der Bümblizer Kirche wurde 1885 aufgehoben.  

Siebenpfeiffer: Gräber sind für mich nicht wichtig, die sterbliche Hülle ist nur Staub, und die Seele fliegt irgendwo anders hin.

Aber Wirth hat ein Ehrengrab auf dem Frankfurter Hauptfriedhof.

Siebenpfeiffer: Ja, das gebührt ihm auch, denn er war ein großer Journalist und Politiker. Doch auch er starb völlig verarmt und einsam in einer Dachkammer. Seinen Einsatz für Deutschland hat ihm keiner gedankt.

Haben Sie noch eine Botschaft für uns?

Siebenpfeiffer: Nehmt Euch die Hambacher Patrioten als Vorbild, die für die Freiheitsrechte kämpften, gegen alle Widersacher und unter Einsatz ihres Lebens! Am wichtigsten: Lasst alle Bürger mitreden und streiten!

Der Reporter: Herr Dr. Siebenpfeiffer, wir danken Ihnen für das ausführliche Gespräch. Kommen Sie bald wieder, wir brauchen Sie dringend!

Neue Serie (Folge 2): Deutsche Patrioten

Johannes Fitz, der Parade-Patriot

Hambacher, Unternehmer, Liedermacher, Rebell: Der Pfälzer aus Bad Dürkheim und Mitorganisator des Hambacher Festes 1832 stritt an vielen Fronten: für Presse- und Meinungsfreiheit, soziale Gerechtigkeit, Steuererleichterung für Winzer und Mittelstand. Auch ein Mann der Tat, denn er befreite inhaftierte Hambach-Patrioten. Am 16. Mai jährt sich sein Todestag zum 135. Male. Der aufrechte Fitz hätte uns auch heute noch viel zu sagen …

„Darum ist in uns‘rer Not,
nur wer trinkt ein Patriot.“
                     Johannes Fitz (1796 – 1868)

Der leidenschaftliche Rebell

Unter der Führung von Johannes Fitz beteiligten sich 1832 am Hambacher Fest etwa 500 Bürger aus Bad Dürkheim und Umgebung. Der Marschchor sang das populäre Winzerlied, das Fitz extra für Hambach schrieb. „Schon um neun Uhr war am 27. Mai der ganze Burgberg mit einem bunten Gewühle von Menschen bedeckt. Kokardenbuben hielten den Andrängenden ihre leichte dreifarbige Ware mit jubelnden Freiheitsrufen entgegen“, schrieb der Hambacher Pfarrer Frank Xaver Remling. Große Aufmerksamkeit erregte die legendäre schwarze Fahne der Dürkheimer an der Spitze des Zuges mit der Inschrift: „Die Weinbauren müssen trauren.“ In der sturmbewegten Zeit der 1830er Jahre führten die Winzer erbitterte Klage gegen den damals bestehenden hohen Zoll auf Wein.

Der Stadtrat und Sozialpolitiker

Bei seiner Kandidatur 1829 zum Dürkheimer Stadtrat erhielt Fitz die meisten Stimmen, wurde zum Adjunkten und Polizeikommissär ernannt. Weil aufgrund der sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse die Zahl der Verbrechen deutlich stieg, engagierte sich Fitz vor allem für soziale Reformen im Armenwesen. So wollte er die Armenfürsorge von Spenden unabhängig machen. Gleichzeitig war geplant, eine Unterstützungsanstalt für die Armen zu gründen sowie für eine effizientere und bedarfsgerechtere Verteilung der Hilfsmittel zu sorgen. Doch mit seinen Vorschlägen konnte sich Fitz gegenüber dem Stadtrat nicht durchsetzen. Oft half er den Notleidenden mit eigenen Mitteln. Nicht leicht, denn Fitz (zwei Ehen, zehn Kinder) musste selbst um seine wirtschaftliche Existenz kämpfen. 

Der Kämpfer für Meinungsfreiheit

Der Dürkheimer kämpfte auch vehement für die Journalisten und die Pressefreiheit. So war er Gründungsmitglied des „Deutschen Preß- und Vaterlandsvereins“. Die Organisation bemühte sich um eine deutschlandweite Neuordnung der liberalen Protestbewegungen und die Gründung liberaler Zeitungen. Fitz war Teilnehmer an konspirativen Sitzungen, gab Informationen weiter, schrieb auch Artikel. Zusammen mit Friedrich Wilhelm Knoebel rief er auch das Dürkheimer Filialkomitee ins Leben. Doch kurz nach dem Verbot des Vereins am 1. März 1832 verkündete Fitz öffentlich seinen Rücktritt von seinen Ämtern, blieb aber im Dürkheimer Stadtrat.

Der Autor und Liedermacher

Seine „Karriere“ als Protest-Liedschreiber begann Johannes Fitz schon vor dem Hambacher Fest. Sein erster Liedtext ist die „Michaelis-Hymne“. Ein Stück zu Ehren des Schutzpatrons des Dürkheimer Michaelis-Marktes, ein Vorläufer des Dürkheimer Wurstmarktes. Lieder als Ausdruck volkstümlichen Protestes gegen die Obrigkeit erfreuten sich damals großer Beliebtheit. So konnte man auf einprägsame Weise seinen Unmut über herrschende Missstände Ausdruck verleihen. Bemerkenswert die große Dichtkunst von Fitz, vor allem sein Winzerlied für das Hambacher Fest.

Der Siebenpfeiffer-Befreier

Schon vor dem Hambacher Fest rebelliert Fitz gegen die Obrigkeit, trifft sich mit Gleichgesinnten. So mit dem Heidelberger Studenten Karl Heinrich Brüggemann, der ein Jahr vor Hambach, am 1. Juli 1831, auf der nahegelegenen Dürkheimer Klosterruine Limburg eine flammende Rede hält und zum Aufstand aufstachelt. Brüggemann wurde später zum Tode verurteilt, doch bald darauf begnadigt. Im September 1832 beteiligt sich Fitz auch an der spektakulären Befreiung des Hambach-Patrioten Jacob Venedey aus dem Gefängnis in Frankenthal, organisiert seine Flucht nach Frankreich. Es wird sogar vermutet, dass Fitz auch an der Befreiung von Siebenpfeiffer beteiligt war, der ebenfalls im Frankenthaler Gefängnis einsaß. Aufgrund seiner Aktivitäten wurden gegen Fitz mehrere Prozesse angestrengt. Er muss nach Straßburg und Paris fliehen, um sich der drohenden Verhaftung zu entziehen. 1834 verurteilt man ihn in letzter Instanz in München zu neun Monaten Haft, die er aufgrund eines Gnadengesuches nur zum Teil verbüßen muss.

Der Sekt-Produzent

Ab 1832 unterhielt Fitz im benachbarten Pfeffingen ein Weingut. Zusammen mit seinem Cousin Georg Peter Fitz, der selbst ein Weingut betrieb, beschäftigte er sich mit der Sektproduktion. Angeregt wurde Fitz vor allem durch seine Aufenthalte in Frankreich, wo er sich über die Herstellung von Champagner informierte. 1837 kam der erste „Moussirende Haardt-Gebirgswein“ auf den Markt. Danach avancierte das Weingut zum Königlich Bayerischen Hoflieferanten. Die Familie wurde sogar mit einem Verdienstorden geehrt. Aber dem Patrioten blieb dies aufgrund seiner politischen Vergangenheit verwehrt. Dennoch war er als Unternehmer sehr erfolgreich: In den 1860er Jahren exportierte das Weingut Fitz Sekt und Wein in die USA, unter anderem nach Cleveland und New York.

Gedenktag „Johannes Fitz“,
der vor 135 Jahren starb

Am 16. Mai 1868 starb Johannes Fitz im Alter von 72 Jahren im Dürkheimer Nachbarort Pfeffingen. Auf dem alten Ungsteiner Friedhof fand er seine letzte Ruhe. Doch kein Grabstein erinnert an den Patrioten. Die letzte Ruhestätte liegt unter einem Container für Grünabfall. Im nationalliberalen „Frankfurter Journal“ gedachte man damals seines Ablebens: „In Pfäffingen (…) bei Dürkheim starb Johannes Fitz, der Dichter und Bannerträger des Hambacher Festes (…). In Staat und Kirche, in der Gemeinde und Schule, von frühester Jugend an im besten Sinne tätig, blieb er bis an sein Ende mit seinem klaren Geiste dem edelsten Wollen treu.“  

Info zum Thema

Das Erbe für die
Nachfahren bewahrt

Die traditionsreiche Geschichte
der Dürkheimer Fitz-Familie

Das Weingut Fitz-Ritter in Bad Dürkheim kann wie kaum ein anderes noch bestehendes Weingut auf eine so bewegte Historie zurückblicken. Dem Hambacher Rebell Johannes Fitz folgten viele erfolgreiche Nachkommen. So führte Konrad Fitz mit seiner Frau Alice den Betrieb in über 40 Jahren zu internationaler Anerkennung. 2007 übernahm Johann Fitz von dem Senior das berühmte Weingut. Eine Konstante bei Fitz-Ritter ist der Blick über den Tellerrand, ohne die eigenen Wurzeln zu vergessen. Motto: Weltgewandt und trotzdem bodenständig. „Unsere Vorfahren reisten schon immer um die ganze Welt. Nur so kann man ein Feingefühl und Wertschätzung für das Regionale und Lokale entwickeln“, sagt Johann Fitz, der das Familienunternehmen jetzt in neunter Generation führt.  

Patrioten-Wein „Revoluzzer“: Die 25 Hektar Rebfläche bewirtschaftet man ökologisch. Fitz-Spitzenweine wurden oft prämiert (u. a. Riesling, Weiß- und Spätburgunder). Highlights sind der Fitz-Sekt oder die Patriotenweine wie „Roter Fitz“ (Cuvée aus Cabernet Sauvignon, Merlot und St. Laurent) und „Revoluzzer“ (Cabernet Sauvignon, Merlot, Spätburgunder und Acolon). Alle in Pfälzer Eichenholzfässern gereift. Besucher sind herzlich eingeladen:  Sektmuseum, Vinothek, Flaschen-Schatzkammer und Holzfass-Keller sind einige der Attraktionen. Auskunft: info@fitz-ritter.de oder facebook.com/fitz-ritter

Aktueller Tipp: Empfehlenswert das Buch zum Thema: „Johannes Fitz, genannt der Rote“. Ausführliche Dokumentation vom Leben und Kampf des Freiheitshelden. Den Autoren Britta Hallmann-Preuß, Georg Karl Rings und Fritz Schumann gelang mit Text und erstmals veröffentlichten Bildern ein historisches Standardwerk der Extraklasse. Beilage zum Buch: CD „Johannes Fitz – Sieben deutsche demokratische Gesänge“, gesetzt von Nors S. Josephson, (u.a. mit Winzerlied, Deutsches Mailied). Eigenverlag, Stadt Bad Dürkheim, info@bad-duerkheim.de

Größtes Weinfass der Welt, größtes Weinfest der Welt, Kohls Spezialität „Saumagen“: Gleich gegenüber vom Weingut Fitz an der Weinstraße Nord steht das größte Holzfass der Welt. Fassungsvermögen: 1,700.000 Liter, allerdings befindet sich in diesem Fass kein Rebensaft, sondern ein Restaurant,  Spezialität: Helmut Kohls „Saumagen“. Direkt daneben der große Festplatz, wo im September der „Dürkheimer Wurstmarkt“ stattfindet, das größte Weinfest der Welt. Der Wurstmarkt ging traditionell aus dem Michaelismarkt hervor, für den Johannes Fitz die „Michaelis-Hymne“ schrieb. Als Motto verwendete Fitz den Spruch: „Wo man singt, da lasst euch ruhig nieder, böse Menschen haben keine Lieder“.

Neue Serie (Folge 1): Deutsche Patrioten

Karl Heinrich Brüggemann: Nach Hambach die Todesstrafe

Bereits am 1. Juli 1831, also ein Jahr vor dem Hambacher Fest, hielt Karl Heinrich Brüggemann eine flammende Rede zur Feier der Pariser Julirevolution in der Klosterruine Limburg bei Bad Dürkheim. Leider wird die politische Arbeit des Journalisten, Burschenschafters und Hambach-Aktivisten bis heute nicht gebührend gewürdigt. Denn Brüggemann gehört zu den großen deutschen Patrioten. 

Zeitgenössische Fotografie von Karl Heinrich Brüggemann
Foto: Wikipedia

So führte er 1832 eine Gruppe von mehr als 200 Heidelberger Studenten nach Hambach. Dort forderte Brüggemann in seinen Reden, die Freiheit und Einheit Deutschlands notfalls auch mit Gewalt zu erzwingen, versuchte nach dem Fest den Aufbau von revolutionären Strukturen zu organisieren. Der 1810 im westfälischen Hopsten geborene Sohn eines Arztes war auch Mitglied der Burschenschaften Germania und Franconia. Er widmete sich dem Studium der Schriften Johann Gottlieb Fichtes und verinnerlichte dessen Credo, wonach „die Revolution (…) nicht ein Recht, sondern eine Pflicht sein (solle)“. Brüggemann wurde auch redaktioneller Mitarbeiter von Siebenpfeiffer, dem Herausgeber des „Westboten“. 

„Karl Heinrich Brüggemann war der wirkungsvollste deutsche Jugendführer in dieser Zeit; ein kleiner Kerl, an Gesundheit schwächlich, aber zäh und verwegen, emporgetragen von einem ehernen, wahrhaft westfälischen Rechtsgefühl“, so der Historiker Veit Valentin in seinem Buch „Das Hambacher Nationalfest“ (1982, Buchgilde Gutenberg). Und Valentin schreibt begeistert: „Hellenentum und Germanentum galten Brüggemann als die beiden großen Erfüllungen der Weltgeschichte. Auf das Vorbild Englands in der Neuzeit wies er immer wieder hin.“ 

Wenige Wochen nach dem Hambacher Fest verhaftet man Brüggemann in Mannheim, und er wird an die preußische Justiz nach Berlin ausgeliefert. Weil er von dem Berliner Kammergericht seine Mitstreiter nicht verraten wollte, wurde er als „determiniertes Subjekt“ nach wiederholter Strafandrohung und tapferer Weigerung mit Einzelhaft in einer fensterlosen Gefängniszelle bestraft. 

Brüggemann verteidigte sich mit großer Gewandtheit und logischer Schlagkraft. Trotzdem verurteilte ihn das Kammergericht wegen Hochverrats zur Todesstrafe „mit dem Rade von oben her“! Mit dem Rade von oben her: Es war das einzige verschärfte Urteil dieser Art, gegen mehrere andere „Demagogen“ erkannte man auf die Todesstrafe durch das Beil. Brüggemann wurde zuerst zu lebenslänglichem, dann zu fünfzehnjährigem Festungsarrest begnadigt. 1836 übergab seine Schwester dem Kronprinzen Friedrich Wilhelm persönlich fußfällig ein Gnadengesuch. Am 14. August 1840 entließ man ihn nach der Thronbesteigung Friedrich Wilhelms in die Freiheit.

Danach studierte Brüggemann Rechtswissenschaften und wurde erfolgreich im Fach Nationalökonomie habilitiert. Aber aufgrund seiner revolutionären Biografie verwehrte man ihm den Zutritt zu einer akademischen Laufbahn. So wurde er schließlich Journalist und Chefredakteur der „Kölnischen Zeitung“ (1846-55). Doch auf Druck der preußischen Regierung musste Brüggemann auch diese Position aufgeben. Der tapfere Hambach-Patriot starb am 1. Juli 1887, fand seine letzte Ruhe auf dem Kölner Melaten-Friedhof.